André Heller | Fußball-Globus FIFA WM 2006

 


André Hellers jüngste Schöpfung erscheint den Betrachtern tagsüber als über-dimensionaler Fußball, wandelt sich nachts in eine illuminierte Weltkugel und entfaltete seine anziehende Wirkung erstmals vor dem Brandenburger Tor in Berlin, 110.000 begeisterte Besucher konnten bisher verzeichnet werden.

Die 17,80 Meter hohe Raumskulptur, bestehend aus 60 Tonnen Stahl und Technik, tourt die nächsten drei Jahre bis zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft durch zwölf Städte der Bundesrepublik. Die nächste Stadt nach Berlin ist Frankfurt am Main. Für das optische architektonische Ereignis, welches die nächsten drei Jahre die Menschen begeistern soll, ließ sich der Multimediakünstler André Heller von Buckminster Fuller (1895-1983) inspirieren. Der Architekt, Futurist und Philosoph Fuller beschäftigte sich mit experimentellen Konstruktionen und suchte nach komplexen Lösungen zur Bewältigung von Umweltproblemen. Die Form des Fußballs, in der Geometrie „abgestumpftes Ikosaeder“ genannt, hat eine bis zu 2.000 Jahre nachverfolgbare Geschichte. Die Entdeckung wird dem griechischen Mathematiker und Philosoph Archimedes im Jahre 212 v. Chr. zugeschrieben. Als eine der größten wissenschaftlichen Entdeckungen des letzten Jahrhunderts gilt die Entdeckung einer dritten Kohlenstoffform (neben Graphit und Diamant), genannt C6o oder Buckminsterfullerene. Diese besonderen Moleküle, die wiederum die Form eines Fußballs haben, werden oft auch „Buckyballs“ genannt und besitzen etliche außergewöhnliche Eigenschaften. Die Entdecker der „Buckyballs“, Richard Smalley und Harry Kroto, erhielten 1996 für ihre Arbeit den Nobelpreis in Chemie.

Reisendes WM-Konsulat

„Wir wollen ein ganzes Land mit Vorfreude durchfluten“, so André Heller. Die Botschafterfunktion des Fußball-Globus betrifft sowohl das spezielle Ereignis der FIFA WM 2006, als auch den Fußballsport als ein grundsätzliches, soziales und kulturelles Phänomen. Das abendliche Kulturprogramm lädt die Besucher zur anregenden Auseinandersetzung mit dem Thema Fußball in seiner ganzen Vielfalt ein. Allabendlich wird der Fußball zum sinnbildlichen Globus mit international besetzter Bühne, auf der Fans und Politiker, Liebende und Skeptiker, Dichter, Musiker und Maler, Fußballer und Wissenschaftler dem anwesenden Publikum immer neue Aspekte aus der Schnittmenge von Fußball und Kultur präsentieren.

Der Manager und Initiator des Projekts, Stefan Seigner, erfüllte seinem langjährigen Partner André Heller gerne diesen besonderen, künstlerischen Wunsch und übernahm mit seiner Wiener Firma Artevent die Gesamtrealisation. Robert Hofferer, Projektmanager von Artevent, organisierte die Beauftragung aller beigezogenen Firmen und Experten.

Im Inneren des Fußballs wartet ein faszinierender Erlebnisraum auf zwei Ebenen, den 3deluxe aus Wiesbaden nach Ideen von André Heller geschaffen haben, auf die Besucher. Auf der ersten Ebene der mobilen Konstruktion sind zunächst Kultobjekte des Fußballsports ausgestellt. So findet sich in den Vitrinen ein linker Schuh von David Beckham, der WM-Pokal von 1990 oder der alte braune WM-Ball von 1954. Ein Eingangsdisplay (50″-Plasma) stimmt die Besucher bereits im Untergeschoss mit aktuellen Programmhinweisen und Sportnews auf die Fußball-WM ein. Die News werden alle zwei Minuten aus einem Online-Redaktionssystem aktualisiert.

Über eine Treppe erreichen die Besucher die zweite Erlebnisebene, eine interaktive Regiezentrale mit Kunstrasen und Stadionatmosphäre. Ausgehend von den Entwürfen des 3deluxe-Szenografen Dieter Brell entwickelte das Frankfurter Designbüro MESO, die von André Heller gewünschten Animationen und Interaktionen für diesen Ausstellungsbereich. So können die Besucher über drei Terminals mit TFT-Touchscreens und vier Trackballs in den mittig angeordneten Sitzmöbeln direkt in Interaktion mit der raumbeherrschenden Rundleinwand treten. Hier lassen sich wie in einer „Kommandozentrale“ mühelos und flüssig Videos abrufen, Spielergebnisse browsen oder Textbotschaften hinterlassen.

An Plasma-Touchscreens werden die Besucher eingeladen mit den Cartoon-Charakteren des „FC Mondo United“ zu spielen, die deutlich angeschlagen und geschwächt auf der Ersatzbank sitzen. Das Publikum hat nun die Aufgabe, die sympathischen 3D-Charaktere mit Hilfe einer aufbauenden Massage per Touchscreen schnell wieder einsatzfähig zu machen. Die liebevoll gerenderten Charaktere „reagieren“ auf Berührungen und reiben sich wohlig an den Handflächen der Besucher.

Zu den weiteren Attraktionen im Innenraum zählen auch die „Kulturzeitungen“ an einigen der rund um den Raum verteilten Sitzgelegenheiten. Sobald ein Besucher hier Platz genommen hat, wird ein Computerbild projiziert, das mit Hilfe von handlichen Kunststoffscheiben sichtbar wird. Hier sind aktuelle Neuigkeiten über das Kulturprogramm im Globus abrufbar. Die News kommen ebenfalls aus dem Online-Redaktionssystem und können mit Bildern und Videozuspielungen angereichert werden.

Beim „Hüter des silbernen Tores“ können Besucher gegen einen animierten Torwart-Charakter antreten. Dieses Spiel ist eine technisch moderne Umsetzung und zugleich humorvolle Persiflage des klassischen Torwand-Schießens. Ein auf dem Elfmeterpunkt der Spielfläche projiziertes Bild eines Fußballs kann auf ein Tor geschossen werden, welches auf der Projektionsleinwand abgebildet ist. Der Torwart wird von einer, der insgesamt vier zur Verfügung stehenden 3D-Charaktere verkörpert. Kurt, der Hüter des Silbernen Tores, bringt mit seiner eigenwilligen Abwehrtechnik selbst die erfolgreichsten Torjäger zur Verzweiflung. Der projizierte Fußball reagiert mittels Fotosensoren auf den spielenden Besucher. Ein Interface, das einen verblüffenden Effekt der Interaktion mit dem „Virtuellen“ erzeugt: Der projizierte Fußball kann tatsächlich „weggetreten“ werden.

Trägerkonstruktion und Folientechnik

Die Trägerkonstruktion dieser Erlebniswelt besteht aus circa 60 Tonnen verzinktem Stahl. Dieses von Mero aus Würzburg geplante und angefertigte Konstrukt benötigte bis zur Fertigstellung gut 256 laufende Meter Stahlrohr. Die Basiskonstruktion entspricht der klassischen Fußballform und besteht aus 55 Knotenpunkten mit 12 Fünfecken und 20 Sechsecken, für die Aufnahme der schwarzen und weißen Fußballfelder. Um den Fußball für die Betrachter realistisch als Fußball darzustellen – mit nach außen gewölbten schwarzen und weißen Feldern – wurde von Covertex aus Obing eine Sonderkonstruktion aus pneumatischen Luftkissen entwickelt. Für die Herstellung der einzelnen schwarzen und weißen Fußballfelder wurden 2.100 m2 Folien miteinander vernäht und verschweißt. Jedes Kissen besteht dabei aus drei Folienlagen.

Außenbeleuchtung und Außenprojektion

Gemäß André Hellers Entwürfen zeigt sich der WM-Ball tagsüber als schlichter Fußball, um sich in den Abendstunden in eine leuchtende Weltkugel zu verwandeln. Um die Wirkung des WM-Globusses im regulären Tageslicht nicht zu beeinflussen, dürfen keinerlei Anbauten durch Scheinwerfer oder sonstige Leuchtkörper sichtbar sein.

Für die Darstellung der Kontinente fiel die Wahl auf Lichterketten, welche die Kontinentkonturen nachzeichnen. Die 13mm dünnen Lichtschläuche wurden, vor dem Verschweißen der Kissen, auf der Innenseite der äußeren Folie mit transparenten Laschen vernäht. Neben der Kontinentalbeleuchtung verfügt der Globus zusätzlich über ein farbiges Lichtkleid, welches die 20 weißen Sechsecke des Balles von innen heraus erstrahlen lassen.

Lichtdesigner Antonius Quodt wählte ein Beleuchtungssystem, welches sich direkt zwischen zwei Kissenlagen einbringen ließ. Die Wahl fiel auf LED-Technik des englischen Herstellers Tryka.

Die Projektion erfolgt von drei Projektionsstandorten aus mittels Pani-Projektoren. Damit die Außenprojektionen und Lichtinstallationen des Globusses in einem ständigen Wechselspiel stehen, wurde wegen der langen Kabelwege eigens ein W-LAN-Netzwerk installiert.

Audio: Digital-Mixer als Kreuzschiene

Generell wird zwischen der Tages- und der Abendsituation unterschieden. Tagsüber werden die einzelnen Spielstationen im Globus mit individuellem Sound versehen und gleichzeitig der gesamte Raum indirekt mit Musik- und Fußballatmosphäre beschallt. Für die Nutzung bei den diversen abendlichen Kulturveranstaltungen kommt zusätzlich eine kleine PA inklusive Monitoring zum Einsatz.

Ein Tascam-Digitalmixer DM 24 als zentrale Kreuzschiene verwaltet alle Inputs und Outputs, sämtliche EQs und Dynamik-Processings sowie die Kompressoren oder Gates. Zusätzlich erlaubt das Gerät die Abrufung jedes beliebigen Setups per simplen Knopfdruck. Durch die flexiblen Nutzungsmöglichkeiten aller In- und Outputs (frei konfigurierbar) sowie durch seine zahlreichen Routingmöglichkeiten bietet der DM 24 das benötigte Maß an Flexibilität.

Für die Wiedergabe der Spiel- und Video-Sounds werden als Lautsprecher Dynacord MX 12 eingesetzt. Diese strahlen einen relativ gerichteten Sound, etwa in Kopfhöhe der Besucher, aus Richtung der Rundleinwand ab. Somit erhalten die circa drei Meter entfernten Benutzer der entsprechenden Spielstationen einen direkten Bezug zum Sound. Die allgemeine Stadionatmosphäre sowie die Backgroundmusik werden über 18 Installationslautsprecher Electro-Voice EVID 4.2 indirekt abgestrahlt. Unterstützung im Bassbereich bekommen sie durch zwei Subwoofer Dynacord MT 218. Als Topteile für die Abendveranstaltungen kommen Electro-Voice RXH 212/75 zum Einsatz.

Abgemischt werden die Abendveranstaltungen direkt im „Saal“ über eine Midas Venice 240. Neben dem FOH-Mix dient sie auch zur Speisung des angeschlossenen Tascam 8-Spur-Recorders, mit dem Live-Mitschnitte für die Rundfunk-Auswertung gemacht werden können. Als Drahtlosmikrofone kommen EV RE-i mit den entsprechenden Empfängern zum Einsatz. Beim Monitoring der Abendveranstaltungen haben die Künstler zwei Systeme zur Auswahl. Zum ersten können zwei aktive SXA 250 von Electro-Voice gewählt werden. Alternativ gibt es vor Ort mehrere Sets mit drahtlosen Shure PSM 200 In-Ear-Monitorings. Als akustisches Highlight befindet sich im Eingangsbereich des Fußball-Globusses ein motorgesteuerter Audiobeam von Sennheiser, über den eine Collage aus Schiedsrichterpfiffen und Stadion-Atmosphären wiedergegeben wird. Durch die spezielle Richtcharakteristik und die Beweglichkeit des Systems haben die Besucher des Globusses den Eindruck, dass die Klänge regelrecht durch den Raum fliegen.

Spiele, Multimedia und Rundleinwand

Zur Realisierung der Mediensysteme im Inneren des Globusses wurde das Frankfurter Designbüro Meso Digital Media Systems Design beauftragt. Meso plante und programmierte darüber hinaus die erforderliche Computertechnik, Setup und Bereitstellung der Systeme inklusive der erforderlichen Subsysteme für die Realisierung der hochkomplexen Grafik-Entwürfe. Der Innenraum wird durch eine brillante Darstellung der 36o°-Leinwand beherrscht, bespielt von zehn Projektoren mit je 3.000 ANSI-Lumen. Das Panorama verfügt bei einem Durchmesser von rund 12 Metern über eine Auflösung von 1.024 x 768 Pixeln. Die 36o°-Projektion setzt sich aus einer Vielzahl von Ebenen zusammen, bestehend aus verschiedenen 3D- und 2D-Objekten. Alle Objekte werden von einem Rendercontroller in einem echten 3D-Koordinatenraum erzeugt und von zehn Renderclients aus den entsprechenden Perspektiven in hoher Bildqualität visualisiert. Auch die Berechnung der Soft-Edges auf der geneigten Fläche wird direkt von den Renderclients durchgeführt.  Auf den miteinander verwobenen Kompositionsebenen befinden sich unter anderem interaktiv abrufbare Videoclips und animierte Cartoon-Charaktere. Die Grafikebenen liefern zusätzlich animierte Weltkugeln (in 3D live gerendert) und wechselnde Farbstimmungen, die wellenartig durch den Raum wandern. Somit lassen sich immer neue Raumatmosphären generieren.

Der Projektionsfries wird von 14 Industrie-PCs (Pentium IV, 2,8 GHz) und Highend Gaming-Grafikkarten (Radeon 9800 pro) berechnet. Weitere 14 Industrie-PCs erzeugen die zusätzlichen Bildinhalte in den Terminals und anderen Exponaten. Alle PC laufen unter Windows 2000. Zusammen genommen bringt es die „Renderfarm“ auf stattliche 500.000 Megahertz Prozessorleistung und rund 1 Terabyte Festplattenspeicher. Alle animierten Grafiken und Videozuspielungen werden von der Software VVVV generiert, die für das Zusammenspiel der Computer-Cluster sorgt.

Durch eine Live-Anbindung an das Internet werden vom Redaktionssystem (auf einem externen Webserver, angebunden über eine DSL-Verbindung) permanent Text-Updates geladen, die als News-Ebenen auf der Videowand erscheinen. Textredakteure können so neue Inhalte für den Globus generieren, ohne vor Ort sein zu müssen. „Meine Liebe zum Fußball“ – Statements, die Besuchern auf der Website www.fifaworldcup.com hinterlassen, werden im Globus für andere Besucher sichtbar. Die nächsten Standorte des Globus: Frankfurt 02.12.2003 bis 08.02.2004, Köln 09.03.2004 bis 16.05.2004.

Text: Kristina Dautzenberg

Fotos: Frank Rümmele, Emanuel Raab, Wolfgang Stahl

Initiator und Gesamtherstellung
Artevent GmbH, Wien | Stefan Seigner

Management
Artevent GmbH, Wien | Stefan Seigner und Robert Hofferer

Szenographie/Innengestaltungen
3deluxe, Wiesbaden | Dieter Brell

Innenausbau
System Modern GmbH, Wiesbaden | Peter Seipp

Lichtdesign
LightLife Gesellschaft für audiovisuelle Erlebnisse mbH, Köln | Antonius Quodt

Mediendesign, Programmierung
MESO Digital Interiors GmbH, Frankfurt am Main

Exponatebau
Gecco Scene Construction Company GmbH, Köln

Stahlbau
MERO-TSK International GmbH & Co. KG, Würzburg

Membrantechnik
Covertex, Obing

Photos
Frank Alexander Rümmele,

3deluxe, Wiesbaden | Emanuel Raab und Wolfgang Stahl,

Artevent GmbH, Wien

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