Stadt Nürnberg | Linie 03 – Blaue Nacht

 


Antonius Quodt und Prof. Jochen Siegemund mit einer multimediale Licht-Installation am 17. Mai 2003

Mit der multimedialen Installation »Linie03« schufen der Lichtdesigner Antonius Quodt und Professor Jochen Siegemund, beide tätig im Fachbereich Architektur der Kölner Fachhochschule, zusammen mit Verena Hellweg, Maja Kühn und Daniel Crone einen weithin sichtbaren »Wegweiser« und eine leuchtende Verbindung zwischen den einzelnen an der vierten »Blauen Nacht« beteiligten Museen und Einzel-Events. »Linie03« faszinierte die etwa 130 000 Besucher und Betrachter, die gleichzeitig zu Akteuren der Installation wurden. Seit ihrer Erstveranstaltung im Jahr 2000 ist die »Blaue Nacht« ein Publikumsmagnet im Großraum Nürnberg/München, da hier neben der in vielen Städten mittlerweile üblichen »Langen Museums-Nacht« zusätzlich ein illuminiertes Stadtfestival organisiert wird. Es gibt künstlerische und spektakuläre Darbietungen auch außerhalb der Museen – zum Teil sogar bei freiem Eintritt.

Anforderungsprofil

Maßstäbe für die vierte Veranstaltung dieser Reihe setzten die riesigen Luftskulpturen des international renommierten französischen Künstlers Xavier Juillot, der im Vorjahr die »Blaue Nacht« zu einer künstlerisch qualitativ hochwertigen Gesamtperformance machte. So rief das von der Stadt Nürnberg mit der Durchführung des Events beauftragte »Projektbüro Kulturprofile« im Dezember 2002 zu einem »kreativen Wettbewerb« auf. Das für 2003 zu erstellende Konzept sollte sowohl quantitativ als auch ästhetisch qualitativ der Illumination der Vorjahre entsprechen und aus einem »handwerklichen bzw. architektonischen Ansatz« heraus entwickelt werden. Gewünscht wurde eine wiederverwendbare Installation mit Logo-Charakter, die als »Markierung« die zu erwartenden etwa 130000 Besucher »optisch« zu den verschiedenen Veranstaltungsorten leiten und die Museumseingänge kennzeichnen könnte. Die »Blau-Beleuchtung« sollte nicht nur sehr attraktiv, sondern auch äußerst kostengünstig zu realisieren sein.

Das Konzept

Vor das Problem gestellt, daß sich die Farbe blau auf unterschiedlichen Fassaden und Projektionflächen diffizil darstellen läßt und dies der Vollmond am Veranstaltungstag noch erschweren würde, einigte sich das fünfköpfige Projektteam auf die Planung einer selbstleuchtenden Installation: Man wolle nicht Fassaden anstrahlen, sondern weithin sichtbare Lichtobjekte schaffen! Ein erster, durchaus visionärer Entwurf, der u. a. eine fünf Meter hohe, überdimensionale »Laufschrift« vorsah, die im Museum für Kommunikation beginnen und nach 3,2 km an der Nürnberger Burg enden sollte, wurde aus Kostengründen verworfen. Das anschließend entwickelte Projekt »Linie 03« konnte sich gegen alle anderen Konzepte durchsetzen: Drei fünf Meter hohe Aluminiumkonstruktionen aus HB-Doppelrohr, eine mit einem Durchmesser von 13,50m und zwei von 11,80m im Durchmesser, werden auf dem Nürnberger Hauptmarkt positioniert. Jede dieser filigranen Konstruktionen trägt 400 steuerbare »Pixel«. Sie zeigen Texte und Graphiken mit Gedanken – Nachrichten, Zitate, Grüße – der Nürnberger Bürger zur »Blauen Nacht«, die zuvor via Internet erstellt und an die Installation geschickt wurden. In Anlehnung an die Lichtobjekte auf dem Hauptmarkt werden vor 22 beteiligten Museen Rahmenkonstruktionen positioniert, die mit 25 statischen »Pixeln« jeweils einen Buchstaben darstellen. Alle Veranstaltungsorte, in der richtigen Reihenfolge besucht, machen den Betrachtern den Text »Blaue Nacht-Linie 2003« sichtbar.

Die Technik

Da sowohl die gewünschten Leuchtkörper als auch die benötigten Dimmer nicht als Standardprodukt beschafft werden konnten, musste hier auf teilweise sogar kostengünstigere Sonderanfertigungen zurückgegriffen werden. Für die »Pixel« diente als sogenannter »Technikträger« eine einfache, leichte und stabile 3mm-FOREX Classic-Hartschaumplatte mit B1 -Zertifizierung. Diese wurden mittels einer Fräsanlage mit Konturen und Bohrungen versehen, so dass sich eine vorkonfektionierte E27-Fassung montieren ließ, die aufgrund von möglichen Schlechtwetterbedingungen am Veranstaltungstag »spritzwassergeschützt« gefertigt sein mußte. Entsprechend den Pixelabständen wurden die Fassungen mit den benötigten Kabellängen versehen. Zwei beidseitig des Technikträgers aufgesetzte, speziell für diesen Zweck tiefgezogene PVC-Halbschalen mit dem eingearbeiteten Schriftzug »Blaue Nacht« komplettierten den Leuchtenkörper. Mit dem Einschrauben einer 40W-Glühlampe war das »Blaue-Nacht-Pixel« fertiggestellt. Die Regelung der einzelnen Pixel erwies sich als problematisch. Benötigt wurden ca. 1200 DMX-fähige Dimmerkanäle, von denen jeder einzelne eine Leistung von 40W zu bewältigen hatte. Alle auf dem Markt verfügbaren Standarddimmer sind auf eine Leistung von 2000W je Kanal ausgelegt und weisen zudem eine für die Veranstaltung vernichtende Baugröße auf. Auch hier wurden Sonderanfertigungen eingesetzt. Zur Ablaufsteuerung des Systems kamen drei unabhängige, mit der e:cue-Programmer-Software ausgestattete Rechner zum Einsatz – für jede Kreiskonstruktion eine Steuereinheit. Die Software erlaubt beliebige Texteingaben und rechnet diese in DMX-Werte um, die von den Regelkreisen verarbeitet werden können. Die Datenübermittlung erfolgte via W-LAN aus einem Büro im zweiten Obergeschoß des Rathauses, da das Verlegen von Datenkabeln über dem Kopfsteinpflaster des Hauptmarktes bei der zu erwartenden hohen Zuschauerzahl zu riskant erschien.

Aufbau und Inbetriebnahme

Das Aufbauteam aus Bühnentechnikern, Elektrikern, Architekturstudenten der Fachhochschule Köln und Auszubildenden des Kölner Ausbildungsverbundes »Fachkraft fürVeranstaltungstechnik« bewies sein Können bei der flexiblen Bewältigung von bei derartigen Veranstaltungen üblichen Unwägbarkeiten und Überraschungen: Da der Marktplatz am Aufbautag unplanmäßig von Marktständen besetzt war, entschloß man sich, zwei der drei Kreiskonstruktionen auf einer freien Fläche direkt vor dem Standesamt zu montieren, die nach Marktende durch einen kurzfristig organisierten Schwerlastkran trotz statischer Bedenken an ihren geplanten Ort versetzt wurden. Anschließend konnte mit der Montage der ersten Pixel begonnen werden. Der Zeitplan von zwei Tagen für die Verkabelung der Installation mit circa einer halben Tonne vorkonfektionierten Kabeln und dem Auflegen von ca. 3400 Einzeladern erwies sich als zu knapp. Bei der Generalprobe am Vorabendder Veranstaltung – die Funktionsfähigkeit der einzelnen Pixel ließ sich nicht bei Tageslicht überprüfen – war lediglich eine Kreiskonstruktion fertiggestellt. Montiert, verkabelt und programmiert wurde bis kurz vor Veranstaltungsbeginn.

Die »Blaue Nacht«

Das Starten der Musik und das Versenden der ersten Texte begann mit dem einsetzender Dämmerung. Jetzt zeigte sich, dass »Linie03« technisch und künstlerisch »funktionierte«, wurde die Installation doch mit einem gewaltigen »Aaaah« des Publikums begrüßt. Neben hunderten von im Vorfeld der Veranstaltung über die Internetseite http://www.linie03.de  eingereichten Textbeiträgen hatten die Besucher auch vor Ort die Möglichkeit, die Installation zu beeinflussen: Die »Blauen Wesen«, Schauspieler der Kölner Schauspielschule Arturo, im Inneren der Kreiskonstruktionen kommunizierten mit dem Publikum in der eigens entwickelten »Blausprache« und nahmen hier weitere Beiträge entgegen. Diese wurden per Bote in das Produktionsbüro gebracht, nach vorangehender »Zensur« in die Computer eingespielt und gegebenenfalls gesendet.

Ausblick

Antonius Quodt und Prof. Jochen Siegemund entwickelten mit der »Linie 03« ein großflächiges interaktives Medium, das die Besucher begeisterte. Damit sich der Erfolg wiederholt, wird die entstandene Installation weiterentwickelt: So denkt man an den Einsatz von transluzenten Kunststoffen mit B1-Zertifizierung, um die Pixel auch in Innenräumen einsetzen zu können. Statt einfacher 40W-Glühbirnen sollen zukünftig RGB-Dioden verwendet werden. Die Frage nach dem künstlerischen Ansatz der Installation beantwortete Antonius Quodt der Nürnberger Zeitung eindeutig: Er sehe sich weniger als Künstler denn als »Lichtartist« und bevorzuge Installationen, die auf Anhieb verstanden würden und den Menschen Freude bereiteten, sie gar zum Akteur werden ließen. Ähnlich äußerte sich Prof. Siegemund, der sich als Stadtplaner und Architekt auch mit der medialen Inszenierung, Darstellung und Bespielung des urbanen Stadtraumes auseinandersetzt. Er betrachtet den Erfolg der Installation »Linie 03« nicht nur im Rahmen der »Blauen Nacht 2003«, sondern sieht in ihr auch ein modernes Inszenierungsprodukt zur künstlerischer Intervention in dem öffentlichen Raum mittels modularer und stapelbarer Leichtbausysteme mit neuester Kunstlichttechnologie für den festen und temporären Einsatz bei Expos und Public-Events. Britta Hölzemann, Berlin Text zusammengestellt nach einer Vorlage von Kristina Dautzenberg, Köln Direkt zu Licht: http://www.lichtnet.de

Gesamtleitung
Stadt Nürnberg | Rainer Sikora

Projektkoordination
Stadt Nürnberg| Hans-Jürgen Wunderlich (Verantw.), Karin Jungkunz

Außenprogramme
Stadt Nürnberg| Kiki Schmidt

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Stadt Nürnberg | Liane Zettl

Technische Leitung
Stadt Nürnberg | Ingo Fey

Lichtdesign/Konzeption
LightLife Gesellschaft für audiovisuelle Erlebniss mbH | Antonius Quodt, Prof. Jochen Siegemund

Kernteam/Projektleitung
Daniel Crone, Verena Hellweg, Maja Kühn Antonius Quodt, Prof. Jochen Siegemund

Projektteam
Bernd Ullrich, Dimitrios Karagiannis, Gorm Rose, James Dickerson, Jan Julius Miebach, Jens Griesinger, Jörg Kurm, Jörg Moritz, Marc Fuhr, Ralf Berek, Serhat Aydin, Sonja Wegener, Soylu Cemile, Udo Kratz, Uli Klose, Michael Stoll, Karl Lankes

Kompositionen
NUHNsound | Ralf Nuhn

Blaue Wesen (Schauspieler)
Carolin Schmidtke, Emily Brede, Jan Kersjes, Jochen Lejcar, Mathias Gilhaus, Sebastian Schlemmer, Stephen Appleton, Tahmina Dost, Wolfgang Decker

Photos
Frank Alexander Rümmele

  • 1200× Sonderleuchte aus tiefgezogenem PVC/Forex Classic
  • 3× W-LAN-Datenstrecke
  • 48× 25 Kanal-DMX-Dimmer (Sonderkonstruktion)
  • 3× e:cue programmer Software
  • 3× Showtec Traversenkonstruktion
  • konventionelle Glühbirnen (OSRAM) 40W

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