André Heller | RWE-Meteorit, Essen

 


Zum 100jährigen Jubiläum des Energiekonzerns RWE stellte das Unternehmen einem “Träumer und Phantasten” 35 Millionen Mark zur Verfügung, auf dass er sie vergrabe und sich Wundersames ereigne … Es war ein bescheidener Anfang, als am 25. April 1898 unter dem Namen “Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG” eine Aktiengesellschaft gegründet wurde. Mit einer Dampflokomotive wurde der erste Strom auf dem Gelände der Zeche Victoria Matthias erzeugt. An diesem historischen Standort ist nun die Zauberwelt entstanden, die der Künstler als einen “Gruß aus einer anderen Welt, eine Schule des Staunens gegen die seelische Arbeitslosigkeit” versteht. Nach den Swarovski-Kristallwelten in Wattens/Tirol ist nun die zweite dauerhafte Erlebniswelt im Sinne André Hellers entstanden. Gemäß Heller ist der Meteorit “ein Gegenentwurf zu den riesigen Zeittotschlagmaschinen. Etwas, was die Kreativität fördert und das Potential der Kinder ernst nimmt. Wir brauchen Flanierdistrikte für Erwachsene, Räume inszenierter Landschaften, die Verfeinerung bereithalten. Wir brauchen von Phantasiemenschen verantwortungsvoll geschaffene Einrichtungen, in denen die ganze Familie sinnhafte, gemeinsame Erlebnisse haben kann.”

Der Meteorit

Die Besucher dieses “Ortes der Kraft” befinden sich auf einem Rundgang, der sich über drei Ebenen erstreckt. Der Weg führt die Besucher über eine brückenähnliche Konstruktion, auf der durch eine mehrkanalige Toninstallation weibliche Stimmen zum Eintritt in die Energieräume locken. Der Weg führt zunächst zur “Gewitterwand”, einer Anordnung von in die Wand eingelassenen Plasma-Kugeln von ungewohnter Größe. Die Kugeln, mit einem Durchmesser von bis zu einem Meter, lassen beim Besucher durch Handauflegen die eigene Aura sichtbar werden, indem sich die Blitzkonstellationen zu einem Energiestrom wandeln, der scheinbar in den Körper der Person fließt, die die Oberfläche der Kugel berührt.

Bilderdom

Der Weg führt weiter in den “Bilderdom”, eine verspiegelte Kugel mit circa zwölf Metern Durchmesser. Die fast 360 dreieckigen Spiegelflächen brechen endlos das Licht, welches durch Multifunktionsscheinwerfer auf die Oberflächen projiziert wird. Für den Betrachter zunächst nicht sichtbar entstehen Videoprojektionen, die über 19 Projektoren via Rückprojektion für den Betrachter erkennbar werden. Die Funktion dieses Ereignisses ist schnell beschrieben: Ein Teil der eingelassenen Spiegel ist mit einer halbdurchlässigen Oberfläche veredelt. Trifft Licht auf die Spiegeloberfläche, wird es reflektiert, bei der Rückprojektion der Videobilder hingegen wirkt das Spiegelglas wie eine Leinwand. Ergänzt wird die Wirkung der verschiedenen Projektionen durch die Musik von Peter Gabriel und Tod Machover. Der Bilderdom ist ein Beispiel für den Erfindungsreichtum, der für eine solche Installation erforderlich ist. Während des ersten Probelaufes stellte sich heraus, dass die Projektoren ein Schwarzbild erzeugten, welches nicht schwarz sondern eher grau war. Die geringe erzeugte Lichtenergie war noch immer ausreichend, um die halbdurchlässigen Spiegel auch ohne Projektion sichtbar werden zu lassen, was das optische Ergebnis der Installation erheblich beeinträchtigte, ja fast unbrauchbar erscheinen ließ. Nach einigen Überlegungen fertigte man schließlich eine Skizze eines Gerätes, welches den Mangel beseitigen sollte. Der gezeichnete Entwurf eines digitalen Blendenschiebers wurde dann innerhalb von fünf Werktagen als Gerät realisiert. Die Hannoveraner Firma (Soundlight Eckhardt Steffens) entwickelte die Elektronik, eine Münchener Firma (Prometag) stanzte die Gehäuseteile, und die Endmontage erfolgte bei Köln. Der fertige Blendenschieber, vor den Objektiven der einzelnen Projektoren montiert, verriegelt den Lichtaustritt der Projektoren fortan mechanisch. Gesteuert werden die Blendenschieber, wie die Projektionen selbst, via Dataton.

Lichtkokon

Nicht weniger einfach war die Realisierung des Lichtkokons, dessen Wände und Deckenkonstruktion mit fast 45 km Seitenlichtfaser verkleidet sind. Die besondere Problematik bei dieser Installation war, daß sich unter den Anbietern von Fasertechnik niemand in der Lage sah, eine Faser zu liefern, die über eine für Festinstallationen nötige Bl-Zertifizierung verfügte. Um das Projekt dennoch zu erfüllen, musste eigens eine Faser entwickelt werden. Dieses Vorhaben kostete nicht nur elf Monate Zeit und Nerven, sondern letztlich knapp 500.000 Mark. Doch nun stand der Realisierung des Lichtkokons nichts mehr im Wege. Die Speisung der einzelnen Fasern erfolgt über 36 digitale Projektoren mit jeweils 22 Farben. Allein für diese Wunderkammer wurden 250 Steuerkanäle benötigt. Programmierer Klaus “Wuschel” Bolte benötigte acht Tagewerke, um die “visuellen Erlebnisse” in den Programmablauf einer Jandshog-Konsole zusammenzufassen. Die benötigten 250 Kanäle sollten erst mittels Dataton DMX-Smartlinks bedient werden. Der DMX-Datenfluss war aber so hoch, dass nun eine eigene Konsole die Ablaufsteuerung übernimmt. Dieser Raum ist erfüllt vom Gesang eines Soprans und von Orchesterklängen, die den Betrachter zusammen mit den Lichterlebnissen in ihren Bann ziehen.

Schattenzylinder

Noch beeindruckt von den bisherigen Faszinationen führt der Weg in den Schattenzylinder mit gelbgrünen Wänden. Im Zylinder sind mystische Klänge zu vernehmen und der Blick fällt auf einen Pylon aus Edelstahl. Die Musik wird dynamischer und erreicht eine akustische Steigerung, mit der ein greller Blitz aus dem Pylon einhergeht. Für die Weile von circa zehn Sekunden verbleibt dann der so erzeugte Schatten der Besucher auf den Wänden, bis ein erneuter Blitz neue Schattenformationen bildet. Die erstaunten Betrachter können so “in der Gegenwart die eigene Schattenvergangenheit studieren”. Es bietet sich die rare Möglichkeit, mit Schatten kreativ zu werden. Die Verwirklichung dieses Raumes hat seine Wurzeln in einer seit Jahren bekannten Technik. Jeder erinnert sich an die grünlich nachleuchtenden Treppenhauslichtschalter in Altbauten. Ging das Licht im Treppenhaus plötzlich aus, so wiesen die phosphorhaltigen Druckknöpfe den Weg zum nächsten Schalter im Treppenhaus. Die Wände des Zylinders wurden mit einer solchen phosphorhaltigen Farbe gestrichen und funktionieren nun als Leinwand für die Konturen der Betrachter.

Galerie der Köpfe

Der Weg aus dem Zylinder führt zu Susanne Schmögners “Galerie der Köpfe”. In einer Anordnung von Vitrinen zeigt sie eine Auswahl surrealer Portraitskulpturen, die ein amüsantes Eigenleben führen. Die Gummiskulpturen verzerren ihr Äußeres oder niesen so dauerhaft, dass sich ein mitfühlender Besucher genötigt sah, eine Packung Papiertaschentücher an der Vitrine zu hinterlegen.

Transflow

“Transflow” ist eine für den Meteorit geschaffene Erfindung des Media Lab am Massachusetts Institute of Technologie (M.I.T.). Der Ideengeber und Verantwortliche für dieses Projekt ist Professor Tod Machover, einer der bedeutendsten, grenzüberschreitenden Komponisten und Multimediakünstler der Gegenwart. Transflow ist eine interaktive Musikmaschine, eine Kommunikationsübung, ein Zukunftsspiel. Die Besucher sind Urheber des Raumes und seiner Klänge. Ihre Befindlichkeit hört und sieht man.

Lichttänzer

Außerhalb des Meteoriten liegt eine großzügige Gartenlandschaft. Dieses kleine Universum der Pflanzen wird in den Abendstunden optisch durch den Lichttänzer gekrönt. Der Lichttänzer ist weitaus mehr als ein Springbrunnen. Es ist ein Wahrzeichen des Meteoriten, eine bewegliche, wasserspeiende Lichtskulptur. Die Haut des Lichttänzers ist einer Ballonhülle ähnlich. Sie wird mittels Druckluft zu einem stabilen Gebilde, welches dennoch flexibel gegenüber Bewegungen und Umwelteinflüssen ist. Der Tänzer kippt in zwei Achsen, ändert permanent seine Position und Farbe. Die oben angebrachten Tentakeln wackeln nicht nur fröhlich im Abendhimmel, sondern erfreuen die Besucher auch zusätzlich durch willkürlich abgegebene Wasserbälle.

Architektur und Technik

Das Team der Kristallwelten in Wattens/Tirol ist zur Realisierung des Meteroiten fast vollständig wieder verpflichtet worden. Die Durchführenden, die Heller als die “besten Meister ihres Faches” bezeichnet, stellen ein Team aus kreativen Spezialisten verschiedener Fachbereiche dar. Zu diesen Menschen zählt das Wiener Architektenteam “propeller z” um Carmen Wiederin, das sich als Plattform zur Raum-/lnhalts-/Material-/Form-/Progranunerforschung versteht. Im Gespräch mit Konstruktionsdesigner Roland Blum, der für die Errichtung der meisten Wunderkammern verantwortlich ist, stellte dieser heraus, dass Heller nicht der Träumer und Phantast sei, als der er in den Medien oft dargestellt wird. Auch der Eindruck, dass er verschiedene Werke verschiedener Künstler lediglich optisch attraktiv präsentiere, bestätigt sich nicht. “Er ist ein Mensch mit einem extrem genauen Vorstellungsvermögen, er hat die Ansichten der einzelnen Räume bereits im Kopf, bevor wir die ersten Skizzen erstellen.” Antonius Quodt, der Lichtdesigner der Energieräume, schildert den Künstler Heller ebenfalls als einen Menschen mit einem sehr ausgeprägten Vorstellungsvermögen. Die erdachten Räume sollten in der Realität möglichst nahe seinen Vorstellungen folgen. Darüber hinaus fordert er jeden Mitwirkenden dazu auf, eigene Ideen in die Projekte einfließen zu lassen und die eigene Kreativität zu erleben.

Text: Lis Miebach/Hannah Vater
Direkt zu: Production Partner

Künstlerische Gesamtleitung
Heller Werkstatt, Wien | André Heller

Architektur
propeller z, Wien | Carmen Wiederin, Philipp Tschofen und Korkut Akkalay

Kompositionen
Tod Machover, Peter Gabriel

Konstruktionsdesign Wunderkammern
Audio Visuelle Medien, Wiesbaden | Roland Blum

Lichtdesign Energieräume
LightLife Gesellschaft für audiovisuelle Erlebnisse mbH, Köln | Antonius Quodt

Lichtdesign Allgemeinbeleuchtung
Dipl.-Ing. Rudolf Lamprecht, Wien

Model
Jennifer Fey

21 × Selecon Astral PC
60 × Pinspot
1 × ARENA Technik 1202D
1 × Hochleistungsblitzanlage (Schattenzylinder)
19 × Sharp Videobeamer
3 × Clay Paky Superscan Zoom (Bilderdom)
36 × Martin Robocolor Pro 400
1 × Jands Jandshog 250 (Lichtkokon)
5 × Martin Robocolor Pro 400
2 × Irideon AR 500 (Lichttänzer)

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