Linie03 Vision und Darstellung
Multimediale Installation im Rahmen der „Blauen Nacht“ Nürnberg
Die „blaue Nacht“, in Jahre 2000 erstmalig veranstaltet, ist im Großraum Nürnberg zu einem wahren Publikumsmagneten herangewachsen. Mit jährlichen Besucherzahlen von bis zu 130 000 Zuschauern eine Veranstaltung, die im Großraum Bayern Maßstäbe setzt. Nüchtern betrachtet, ist die "Blaue Nacht" Nürnberg nur eine lange Nacht der Museen, wie diese in vielen deutschen Städten praktiziert wird. Im direkten Vergleich mit anderen Städten jedoch organisiert die Stadt Nürnberg (Büro Kulturprofile) zusätzlich ein illuminiertes Stadtfestival, welches für die Menschen auch außerhalb der Museen künstlerische und spektakuläre Darbietungen bereithält - welche zum Teil sogar ohne Eintrittskarte zu genießen sind.
Kreativer Wettbewerb
Im Jahre 2002 rückte mit dem Franzosen Xavier Juillot erstmals ein renommierter internationaler Künstler in den Mittelpunkt des Geschehens der Blauen Nacht. Ihm gelang es, mit seinen riesigen Luftskulpturen die Nacht zu einer Gesamtperformance mit hoher Qualität und künstlerischem Anspruch zu verwandeln. Für die nun geplante, inzwischen vierte „Blaue Nacht“, sollte das erfolgreiche Konzept fortgeführt werden. Im Dezember 2002 sprach das Projektbüro Kulturprofile in einer Art "kreativem Wettbewerb" verschiedene Akteure an, um die anstehende "Blaue Nacht 2003" zu gestalten. Zum Kreis der Befragten gehörten auch der Kölner Lichtdesigner Antonius Quodt und der ebenfalls in Köln praktizierende Architekt und Stadtplaner Prof. Jochen Siegemund. Beide Befragten, ohnehin gemeinsam im Fachbereich Architektur der Kölner Fachhochschule (Fakultät Architektur) tätig, beabsichtigen nicht als Konkurrenten aufzutreten.
Nach einer ersten Ortsbesichtigung beschloss man, ein gemeinsames Konzept zu erarbeiten und erweiterte das Planungsteam um Verena Hellweg, Maja Kühn und Daniel Crone auf fünf Personen.
Aufgabenstellung
Die verantwortlichen der Stadt Nürnberg, das Projektbüro Kulkturprofile, verfügten über eine detaillierte Vorstellung der Rahmenbedingungen zur geplanten Veranstaltung, welche den geladenen Kreativen in schriftlicher Form überreicht wurde.
Die Blau-Beleuchtung sollte, sowohl in den Aspekten Fülle/Menge als auch Ästhetik/Ausstrahlung, der Illumination der Vorjahre entsprechen. Weiterhin sollten die Lichtobjekte aus einem „handwerklichen bzw. architektonischem Ansatz“ heraus entwickelt werden. Neben der Aufgabe, dass die Installation/en für die Besucher attraktiv sein sollte, wünschte sich das Projektbüro auch eine Art „Markierungsfunktion“ als Bestandteil der Installation. Es sollte eine wieder verwendbare Installation mit Logo-Charakter entstehen, die in der Lage war die ca. 130 000 Besucher „optisch“ zu den verschiedenen Veranstaltungsorten zu leiten und die Museumseingänge zu kennzeichnen. Und letztlich wurde noch der Etat für die Beleuchtung, wegen des knappen Haushaltes, deutlich reduziert.
Die erste Konzeption
Nach den Vorgaben der Stadt Nürnberg wurde ein erstes Konzept erarbeitet, welches alle gewünschten Positionen erfüllen sollte. Im Projektteam war man sich schnell einig, dass es sich um eine selbstleuchtende Installation handeln müsse. Man wollte nicht einfach die Fassaden anstrahlen, sondern weithin sichtbare Lichtobjekte schaffen. Die Farbe Blau ist ohnehin schwer darzustellen, besonders auf unterschiedlichen Fassaden und Reflektionsflächen. Erschwerend kam noch hinzu, dass es sich bei dem Veranstaltungstag um eine Vollmondnacht handelte.
In den folgenden Wochen wurde schließlich das Projekt "Linie 03" erarbeitet, welches sich gegen andere Konzepte durchsetzen konnte. Das Konzept sah eine fünf Meter hohe, überdimensionale „Laufschrift“ vor, welche beginnend im Museum für Kommunikation, nach 3,2 Kilometern an der Nürnberger Burg enden sollte. Die Menschen der Stadt Nürnberg sollten Ihre Gedanken zum Thema „Blau“ - Zitate, Nachrichten oder einfach Grüße via Internet oder über ein Terminal im Museum für Kommunikation erstellen und an die geplante Installation senden. Dann hätten die Menschen Ihre Gedanken oder Grafiken über die komplette Wegstrecke begleiten können, und wären auf diesem Wege auch zu allen Veranstaltungsorten geführt worden.
Realisierung des Vorhabens
Der erste Entwurf sah eine filigrane Seilkonstruktion vor, an der ca. 50 000 blau leuchtende Kunststoffkugeln befestigt waren. Nach dem Einholen der ersten Angebote wurde den Planern aber recht schnell klar, dass ein solches Vorhaben nicht zum geplanten Budget zu realisieren sei die Konzeption musste geändert werden. Es folgten Wochen und Monate mit Konzeptänderungen, Probebeleuchtungen, Firmenbesichtigungen und Materialprüfungen.
Das nun realisierbare Konzept sah drei fünf Meter hohe Aluminiumkonstruktionen aus HB-Doppelrohr (1 × 13,50 Meter , 2 × 11,80 Meter im Durchmesser) vor, die auf dem Nürnberger Hauptmarkt positioniert werden sollten. Jeder der filigranen Trägerkonstruktionen konnte 400 steuerbare „Pixel“ aufnehmen, auf denen die Texte und Grafiken dargestellt wurden. Korrespondierend zu der Installation auf dem Hauptmarkt wurden vor 22 Museen zusätzlich Rahmen-konstruktionen positioniert, die mit 25 statischen „Pixeln“ jeweils einen Buchstaben darstellten. Alle Veranstaltungsorte in der richtigen Reihenfolge besucht ließen den Text „Blaue Nacht Linie 2003“ sichtbar werden.
Die Technik
Die für die geplante Installation benötigten Leuchtkugeln waren trotz vieler Angebote und Kompromisse von seiten der Zulieferer nicht zu finanzieren. So entstand schließlich ein „Pixel“ welches eigens für die Veranstaltung hergestellt wurde und dennoch preiswerter war als ein lieferbares Standardprodukt der Leuchtenhersteller. Als sogenannter „Technikträger“ diente einfache FOREX-Classic-Hartschaumplatte (3mm), welche sich nicht nur als leicht und stabil erwies, sondern auch noch eine B1-Zertifizierung mit sich brachte. Die angelieferten Basisplatten wurden mittels einer Fräßanlage mit Konturen und Bohrungen versehen, so dass eine einfache vorkonfektionierte E27-Fassung montiert werden konnte.
Da man nicht ausschließen konnte, dass es am Veranstaltungstag regnen könnte, wurden sämtliche Leuchtenfassungen „spritz-wassergeschützt“ gefertigt und mit dem für die entsprechenden Pixelabstände benötigten Kabellängen versehen.
Zum eigentlichen Leuchtkörper wurde der Technikträger durch das beidseitige aufsetzen von zwei, speziell für diesen Zweck tiefgezogene PVC-Halbschalen, auf denen auch gleich der Schriftzug „Blaue Nacht“ eingearbeitet war. Mit dem einschrauben einer einfachen 40W Glühlampe war das „Blaue Nacht Pixel“ nun fertiggestellt.
Ein weiters Problem ergab sich bei der Regelung der einzelnen Pixel. Es wurden ca. 1200 DMX-fähige Dimmerkanäle benötigt, von denen jeder einzelne eine Leistung von gerade einmal 40 W zu bewältigen hatte. Alle auf dem Markt verfügbare Standarddimmer sind auf eine Leistung von 2000W je Kanal ausgelegt, und weisen zudem eine für die Veranstaltung vernichtende Baugröße auf. Also mussten auch diese Geräte entwickelt und gefertigt werden.
Einzig zur Ablaufsteuerung des Systems konnte auf Standardprodukte zurückgegriffen werden. Zum Einsatz kamen hier drei unabhängige Rechner (für jede Kreiskonstruktion eine Steuereinheit), ausgestattet mit der e:cue Programmer-Software. Die Software erlaubt beliebige Texteingaben und rechnet diese in DMX-Werte um, die von den Regelkreisen verarbeitet werden können. Die Datenübermittlung erfolgte via W-LAN aus einem Büro im zweiten Obergeschoss des Rathauses. Wegen der hohen zu erwartenden Zuschauerzahl erschien es zu riskant Datenkabel über dem Kopfsteinpflaster des Hauptmarktes zu verlegen.
Aufbau und Inbetriebnahme
Das Aufbauteam bestehend aus einer Mischung aus professionellen Bühnentechnikern, Elektrikern, Architekturstudenten der Fakultät für Architektur der Fachhochschule Köln und einigen Auszubildenden des Kölner Ausbildungsverbundes „Fachkraft für Veranstaltungstechnik“ hatten, wie so oft bei derartigen Veranstaltungen, nicht geplante Überraschungen zu bewältigen. Direkt zu Aufbaubeginn drohte ein kleiner Kommunikationsfehler der geplanten und engen Ablaufplan zu gefährden. Statt einen für den Aufbau freien Marktplatzes vorzufinden, befand sich das Aufbauteam inmitten vieler gut besuchter Marktstände, die ihrerseits regen Handel betrieben und nicht vorhatten das Gelände vor 18.00 Uhr zu verlassen. In einer schnell einberufenen Krisensitzung entschloss man sich zwei der drei Kreiskonstruktionen auf einer freien Fläche direkt vor dem Standesamt zu montieren. Nach dem Abbau des Marktes sollten die jeweils bis zu einer Tonne schweren Träger-konstruktionen dann mittels eines kurzfristig organisierten Schwerlastkranes versetzt werden. Der Aufbau begann und sorgte wegen der beengten Verhältnisse für eine gewisse Situationskomik. Denn wie der Name schon beschreibt, wird auf Standesämtern geheiratet - auch an diesem Tage gaben sich mehrere Paare das Jawort.
Trotz der beengten Verhältnisse arrangierten sich die gut gelaunten Hochzeitspaare mit dem Aufbauteam, welche als kleines Dankeschön dann einige Hubsteiger zur Verfügung stellen, damit die Photografen höhere Positionen erreichen konnten um diesen Moment für immer zu verewigen. Gegen 21.00 Uhr kam dann der Kran, die Kreiskonstrukt-ionen konnten trotz statischer Bedenken versetzt werden und die ersten Pixel wurden montiert.
Die Generalprobe der Installation war auf den Vorabend des Veranstaltungstages angesetzt, da die Funktion der einzelnen Pixel im regulären Tageslicht nicht zu überprüfen war. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch gerade eine Kreiskonstruktion fertiggestellt und konnte in Betrieb genommen werden. Der Zeitplan (2 Tage) für die Verkabelung der Installation war mit circa einer halben Tonne vorkonfektionierten Kabeln und dem Auflegen von ca. 3400 Einzeladern doch etwas knapp bemessen.
So wurde letztlich bis kurz vor Veranstaltungsbeginn verkabelt und programmiert ohne die Gewissheit zu haben das die Installation auch wirklich funktioniert. Die Minuten vor dem Einbrechen der Dunkelheit wurden so zum nervenaufreibenden Spiel für das Produktionsteam. Mit dem Erreichen der nötigen Dämmerung wurde schließlich die Musik gestartet und die ersten Texte gesendet. Das Publikum und das Produktionsteam belohnten die ersten Bilder und Klänge mit einem gewaltigen „Aaaah“ das Publikum zeigte sich begeistert, das Produktionsteam erleichtert und erfreut zugleich. Lediglich zwei Pixel versagten ihren Dienst.
Ablauf der Veranstaltung
Neben hunderten Textbeiträgen die bereits im Vorfeld der Veranstaltung über die Internetseite www.linie03.de eingereicht wurden, hatten die Besucher auch vor Ort die Möglichkeit zum Erscheinungsbild der Installation beizutragen. Im Inneren der Kreiskonstruktionen befanden sich die „Blauen Wesen“, Schauspieler der Kölner Schauspielschule Arturo, die mit dem Menschen in der eigens entwickelten „Blausprache“ kommunizierten und weitere Beiträge entgegennahmen. Diese Beiträge wurden dann per Bote direkt in das Produktionsbüro gebracht, in die Computer eingespielt, und gegebenenfalls gesendet. Die Programmierer Jörg Moritz und Daniel Crone saßen im Produktionsbüro und gaben die Worte und Texte in die Computer ein. Zuvor liefen die Beiträge durch die „Zensur“ von Maja Kühn und Verena Hellweg. „Ich bin so Blau...“ und ähnliche spontane Gedanken wurden so im Vorfeld ausgefiltert.
Fazit
Mit der Installation „Linie03“ haben Antonius Quodt und Prof. Jochen Siegemund wirklich ein interaktives großflächiges Medium geschaffen, welches den fast 130 000 Besuchern der diesjährigen „blauen Nacht“ sichtlich Freude bereitet hat. Es bleibt jedoch abzuwarten ob ein solcher Erfolg zu wiederholen ist. Das Medium ist nun existent und wird weiterentwickelt. Zunächst werden Kunststoffe benötigt die tranzluzent sind, aber dennoch eine B1-Zertifizierung aufweisen um die Pixel auch in Innenräumen nutzen zu können. Das Leuchtmittel, die einfache 40W-Glühbirne, soll zukünftig gegen RGB-Dioden ersetzt werden. Die Frage nach dem künstlerischen Ansatz der Installation beantwortete Antonius Quodt ziemlich deutlich: Er sieht sich nicht als Künstler, sondern eher, wie von der Nürnberger Zeitung beschrieben, als „Lichtartist“. „Ich bevorzuge Installationen, die von den Besuchern auf Anhieb verstanden werden und den Menschen Freude bereiten - sie gar zum Akteur der Installation werden lassen. Es ist eher eine Mischung aus Idee und den derzeit technischen Möglichkeiten“.
Ähnlich äußerte sich Prof. Siegemund, der sich als Stadtplaner und Architekt auch mit der medialen Inszenierung, Darstellung und Bespielung des urbanen Stadtraumes“ auseinandersetzt. „Die Installation -Linie 03- ist nicht ausschließlich ein Erfolg, der Blauen Nacht 2003, sie präsentiert, ähnlich der Erfindung des Lampions, einen modernes Inszenierungsprodukt für die künstlerischer Intervention des öffentlichen Raumes mittels modularer und stapelbarer Leichtbausysteme mit neuester Kunstlichttechnologie für den festen und temporären Einsatz bei Expos und Public Events. Aus unsere Sicht ein Produkt mit Zukunft und Perspektive“
Text: Kristina Dautzenberg, CAD-Visualisierung: Daniel Crone, Fotos: Frank Rümmele, Prof. Jochen Siegemund, Michael Stoll
Einige Mitwirkende
Gesamtleitung Stadt Nürnberg: Rainer Sikora, Projektkoordination Stadt Nürnberg: Hans-Jürgen Wunderlich (verantw.), Karin Jungkunz, Außenprogramme Stadt Nürnberg: Kiki Schmidt, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Stadt Nürnberg: Liane Zettl, Technische Leitung Stadt Nürnberg: Ingo Fey, Lichtdesign/Konzeption: Antonius Quodt, Prof. Jochen Siegemund, Kernteam/Projektleitung: Daniel Crone, Verena Hellweg, Maja Kühn, Antonius Quodt, Prof. Jochen Siegemund, Projektteam: Bernd Ullrich, Dimitrios Karagiannis, Gorm Rose, James Dickerson, Jan Julius Miebach, Jens Griesinger, Jörg Kurm, Jörg Moritz, Marc Fuhr, Ralf Berek, Serhat Aydin, Sonja Wegener, Soylu Cemile, Udo Kratz, Uli Klose, Michael Stoll, Kompositionen: Ralf Nuhn, Blaue Wesen (Schauspieler): Carolin Schmidtke, Emily Brede, Jan Kersjes, Jochen Lejcar, Mathias Gilhaus, Sebastian Schlemmer, Stephen Appleton, Tahmina Dost, Wolfgang Decker, Photograph: Frank Rümmele
Auszug aus der Materialliste
3 × Rechner mit e:cue programmer-Software, 3 × e:cue enode512, 3 × W-LAN Funkverbindung, 45 × DMX-Dimmer 25 Kanäle, 60W/Kanal, 1800 × Sonderkonstruktion Leuchtkörper „Blaue Nacht“, 3 × Phoenix Klangsäule, 1 × CD-Player
Das Projektteam bedankt sich bei folgenden Firmen für die tatkräftige Unterstützung: Schaupielschule Arturo: (www.arturo-dsa.de), Musik: Ralf Nuhn (www.arnoon.de), Pixelkörper: polymehr GmbH, Ulrich Szallies (www.polymehr.com), Trägerkonstruktion: Showtec GmbH, Peter van de Hurk, Thomas Ickenroth, Karl-Werner Lankes, Jochen Derksen (www.showtec.de), Leistungselektronik: GNK GmbH, Gorm Rose (www.gnk.net), Steuerelektronik: e:cue GbR, Dirk Beiner, Philip van Beek (www.ecue.tv), Beschallungsanlage: Balance Audio GmbH, Dieter Cramer (www.balance-audio.de), Kabelkonfektionierung: Stromstoss GmbH, Jens Grobecker (www.strom-stoss.de), Leuchtmittel: Osram Light Consulting GmbH, M. Boulouednine (www.osram.de), FOREX-Trägermaterial: Alcan Airex AG, Michael Schneider, (www.alcanairex.com), Kunststoffberatung: Krzepinski + Partner GmbH, Martin Hirsch (www.kunststoffberatung.de), Schwerlastkran: Kran Kral, Nürnberg, Flyerdruck: Flyerpoint, Nürnberg (www.flyerpoint.de), Lifte/Arbeitsbühnen: Peter Billmeier (www.billmeier-lift.de)